Archiv | Dezember 2011

Reurbanisierung und Single-Haushalte: Das war zu viel für Hamburg

Um die schwierige Wohnungssituation in Hamburg zu erklären, habe ich mit einer Dreiteiligen Serie, in der ich verschiedene Gründe beschreibe, die zu der heutigen Lage geführt gestartet. Dazu habe ich mit vielen Experten aus dem Immobiliensektor von Hamburg gesprochen.

Nachdem ich mich im ersten Teil mit dem Thema Politik beschäftigt habe, folgt nun das Thema Gesellschaft. Haben etwa die Hamburger selbst an den hohen Mietpreisen schuld? Welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben zu der heutigen Situation auf dem Wohnungsmarkt beigetragen?

 

Hamburg – eine der teuersten Städte Deutschlands. Warum?

  1. Politik
  2. Gesellschaft
  3. Schrumpfende Sozialwohnungen vs. wachsende Büroflächen

 

Ingrid Breckner. Foto: HCU

Die Lage auf dem Hamburger Wohnungsmarkt ist angespannt – besonders in einigen Stadtteilen ist es nur für Besserverdienende möglich, eine Wohnung zu bezahlen. Die Gründe für diese Situation sind vielfältig und auch gesellschaftliche Entwicklungen haben dazu beigetragen, wie zum Beispiel die Reurbanisierung Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre. Grund dafür waren die veränderten Werte und Lebensvorstellungen der Menschen. Besonders die veränderten Rollen von Mann und Frau trugen zu einer Rückkehr in urbane Lebensräume bei. „Frauen finden auf dem Land meist keine adäquate Arbeit. Somit müssen beide Partner pendeln und das kostet Geld“, erklärt die Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie im Studiengang Stadtplanung an der Hafencity-Uni Hamburg (HCU), Ingrid Breckner. Auch die wenig kulturellen Angebote auf dem Land hätten dazu beigetragen, dass es die Menschen in die Stadt zog. „Auch die Politik förderte diese Entwicklung, da Steuereinnahmen in den großen Städten fehlten und durch die zunehmende Bevölkerung innerstädtisch mehr Steuern eingenommen werden konnten“, so Breckner. Folglich wurden mehr Wohnungen saniert und gebaut – dies aber nicht in ausreichendem Maße.

Es wollen mehr Menschen in die Stadt, als es Wohnungen gibt. Foto: pixelio

Michael Sachs, BSU Hamburg, Foto: Stadt Hamburg

Die Entwicklung zu einer Single-Gesellschaft verstärkte den Trend ebenfalls. Singles wollen lieber unter vielen Menschen in der Stadt leben als allein auf dem Land. Jedoch brauchen Single-Haushalte mehr Platz als Familien, die sich meist ein Bad und eine Küche teilen. „Der Bedarf pro Kopf ist also gestiegen und steigt auch weiterhin“, erklärt der Wohnungsbaukoordinator der Hansestadt Hamburg, Helmut Sachs. Früher hätte es einen durchschnittlichen Bedarf von 20 Quadratmetern gegeben, heutzutage müsse man mit einem Bedarf von 40 Quadratmetern pro Kopf rechnen. „Nur leider sind die Neubauten an Wohnungen nicht dementsprechend gestiegen.“

Hohe Nachfrage und wenig Angebot – das bedeutet einen Preisanstieg. Aus dem aktuellen Mietenspiegel von Hamburg geht hervor, dass die Miete für eine 1-2 Personen Wohnung (41 m² – 66 m² mit Bad und Sammelheizung) in einer guten Lage in Hamburg durchschnittlich 10,30 Euro pro Quadratmeter beträgt. Laut Statistikamt Nord haben jedoch 75 Prozent der Haushalte der Hansestadt ein monatliches Nettoeinkommen unter 3 200 Euro. Also haben nur diese Haushalte maximal  1 000 Euro Wohngeld zur Verfügung, was einer Miete von 10 Euro pro m² entspricht. Es lässt sich also festhalten, dass sich 75 Prozent der Hamburger Haushalte keine Wohnung in einer guten Lage leisten können.

Dreiteilige Serie: Hamburg – eine der teuersten Städte Deutschlands. Warum?

Hamburg gehört zu den teuersten Großstädten Deutschlands. Es ist sogar das teuerste Bundesland, noch vor Bayern. Viele Menschen wollen in der Hansestadt leben, eine Wohnung zu finden ist jedoch schwierig – besonders eine Bezahlbare. Denn in den stadtnahen, beliebten Gegenden liegt der Quadratmeterpreis bei durchschnittlich 10,30 Euro. Kann man also von einer Wohnungsnot sprechen? Nein, sagen die Experten. Aber eine Knappheit – besonders an billigem Wohnraum – besteht. Den einen Schuldigen gibt es dafür nicht. Eigentlich sind wir alle dafür verantwortlich.  Sowohl gesellschaftliche Entwicklungen und Fehlentscheidungen in der Politik haben zu der heutigen Situation beigetragen.

Um die schwierige Wohnungssituation in Hamburg zu erklären, starte ich nun mit einer Dreiteiligen Serie, in der ich verschiedene Gründe beschreibe, die zu der heutigen Lage geführt haben. Dazu habe ich mit vielen Experten aus dem Immobiliensektor von Hamburg gesprochen.

Der erste Teil beginnt mit dem Thema Politik. Was haben die Hamburger Politiker in der vergangenen Zeit gegen die hohen Mietpreise unternommen? Was ist geglückt und was hat die Situation vielleicht noch verschlechtert?

Hamburg – eine der teuersten Städte Deutschlands. Warum?

  1.      Politik
  2. Gesellschaft
  3. Schrumpfende Sozialwohnungen vs. wachsende Büroflächen

Jeder neue Bürger, der nach Hamburg zieht, bedeutet für die Stadt zusätzliche Steuereinnahmen von 3 000 Euro jährlich. Um mehr Menschen, besonders Familien und qualifizierte Fachkräfte,  nach Hamburg zu locken, entwickelte die Regierung im Jahr 2002 aus CDU und FDP die Initiative „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“. Ein gekonntes Marketingprojekt, dem aber vorgeworfen wird, keine konkreten politischen Schritte mit sich gebracht zu haben.

Ingrid Breckner. Foto: HCU

„Es wurde auch nicht darauf geachtet, ob alle Zuwanderer wirklich eine Wohnung bekommen haben. Eine reale Übersetzung in praktische Handlungszüge gab es nicht.“ So schätzt Prof. Dr. Ingrid Breckner von der Hafen Citiy Universität Hamburg die Initiative ein. Man habe sich darauf verlassen, dass Investoren nach Hamburg kommen würden. Es seien aber nicht so viele gekommen wie erwartet. Und die, die gekommen sind, hätten meistens teure Wohnungen gebaut. Das Problem jedoch: Es gibt nicht genug Gutverdiener in Hamburg, die diese Luxuswohnungen bezahlen könnten. „Die Initiative wachsende Stadt war demnach ein Produkt, das durch eine marktwirtschaftlich orientierte Politik entstanden ist“, erklärt der Wohnungsbaukoordinator der Hansestadt Hamburg, Michael Sachs. Er fügt jedoch hinzu, dass nicht allein die Initiative an der heutigen Wohnsituation Schuld sei, sondern dass die Politik jahrelang zu marktorientiert gehandelt habe und „Metropole Hamburg – Wachsende Stadt“ nur ein Teil davon gewesen sei.

Michael Sachs, BSU Hamburg, Foto: Stadt Hamburg

Eine weitere Maßnahme der Hamburger Politiker in den letzten Jahren war mehr direkte Demokratie zu schaffen.  Ein Ergebnis davon ist die Bezirksverwaltungsreform. Seit 2006 ist nicht mehr der Senat, sondern die einzelnen Bezirke für Neubauten zuständig. Sie entscheiden, ob ein neues Hause erbaut wird. Eigentlich sinnvoll – schließlich sind die Bezirke näher am Geschehen dran und können besser darüber entscheiden, ob in ihrem Zuständigkeitsbereich ein Bauvorhaben realisiert werden sollte. Sie kennen ihren Bezirk und wissen besser als der Senat, ob der Bau nötig ist oder nicht. Jedoch hat diese Nähe auch einen Nachteil: Die Bezirksleiter wollen ihre Stelle behalten und wiedergewählt werden.

Gleichzeitig hat sich eine gesellschaftliche Bewegung zu mehr Mitspracherecht entwickelt. „In den vergangenen fünf Jahren gab es mehr Bürgerbegehren. Die Menschen mischen sich mehr ein und wollen Mitspracherecht bei den Bauvorhaben“, berichtet die Abteilungsleiterin für Projekte der Stadtentwicklung und Bauplanung des Bezirkes Altona, Martina Nitzl.

Traumwohnungen in Hamburg, die sich Studenten schon gar nicht leisten können. Foto: Pixelio

Diese Kombination führte dazu, dass weniger Bauvorhaben umgesetzt wurden. Auf der einen Seite wollten die Bewohner keine Baustelle in ihrer Nachbarschaft und auf der anderen Seite wollten die Bezirksleiter wiedergewählt werden und gingen auf die Forderungen ein. Somit hatten immer mehr Bürgerbegehren Erfolg – bis heute.

Ein Bewerber unter Vielen – Erfahrungsbericht einer offenen Wohnungsbesichtigung

Als Autor dieses Blogs habe ich selbst an einer offenen Wohnungsbesichtigung in Barmbek teilgenommen. Meine Erfahrungen zeigen: Als Student in Hamburg eine Wohnung zu suchen, ist sehr schwer.

Ein passendes Wohnungsangebot in Hamburg zu finden, ist nicht schwer. Im Internet kommen jeden Tag viele Annoncen hinzu – meist mit einer festen Angabe zu einem offenen Besichtigungstermin. Ich habe mich für eine Wohnung in Barmbek entschieden, 45 Quadratmeter für 500 Euro warm. Die Wohnung hat zwei Zimmer, die etwa gleich groß sind: Ideal für eine Wohngemeinschaft,  ideal für Studenten. Leider sind bei dem Angebot keine Bilder zu sehen, aber darauf lasse ich es ankommen.

Ich bin Sonntag pünktlich – kurz vor 14 Uhr – an der angegebenen Adresse. Ich hatte extra noch darauf geachtet, mir die Hausnummer aufzuschreiben, damit ich auch beim richtigen Haus klingele. Das hätte ich mir jedoch sparen können. Schon von weitem sehe ich die Menschenschlange, die bis zum Fußgängerweg reicht. Ich erinnere mich, dass in der Beschreibung stand, dass die Wohnung im zweiten Stockwerk gelegen sei. „Gibt es etwa noch eine Besichtigung im gleichen Haus, zur gleichen Zeit?“ Es handelt sich um ein rot geklinkertes Mehrfamilienhaus, in dem vielleicht mehrere Wohnungen frei werden. Jedoch liege ich mit meiner Vermutung falsch. An die 100 Interessenten sind gekommen, um sich die Wohnung in Barmbek anzuschauen. Ich reihe mich also in die Schlange ein und warte. Da die Wohnung nur 45 Quadratmeter groß ist, können nicht alle Interessenten gleichzeitig die kleinen Räume besichtigen. Es können also nur wieder Menschen in die Wohnung, wenn andere sie verlassen haben.

Die Menschenschlange reicht bis auf den Fußgängerweg. Fotos: selbst erstellt

Die für mich als ideal für Studenten erscheinende Wohnung, scheint auch ältere Menschen zu interessieren, denn ich bin umgeben von Leuten allen Altersklassen. Junge und ältere Paare, Alleinstehende und sogar Teenager, die mit ihrer Mutter als Unterstützung zur Wohnungsbesichtigung gekommen sind – alle sind sie da und sie haben alle eins gemeinsam: Sie sehen alle sehr frustriert und genervt aus. Von hinten höre ich: „Da können wir ja noch lange suchen bei so viel Konkurrenz.“ Der vor mir wartende Mann gibt schon vor der ersten Treppenstufe auf und kehrt um.

Ein Bewerber unter 100 - eine Vorstellung, die Verzweiflung hervorruft.

Langsam geht es vorwärts und ich gelange vom Erdgeschoss in den ersten Stock bis in die zweite Etage. Leider kann ich an den Menschen, die mir die ganze Zeit entgegenkommen, nicht erkennen, ob ihnen die Wohnung gefallen hat. Sie gehen schnell an mir vorbei, so als hätten sie es eilig – vielleicht sind sie schon auf dem Weg zur nächsten Besichtigung. Aber auch dort wartet ja wahrscheinlich wieder eine lange Schlange auf sie.

Nur langsam geht es voran. Es können nur so viele Menschen in die Wohnung, wie wieder herausgehen.

So langsam komme ich der Wohnung näher. Das Paar vor mir reckt schon immer wieder die Köpfe nach vorne, um einen Blick in die Wohnung zu erhaschen. Es stellt sich jedoch heraus, dass das keinen Sinn hat, da man vor lauter Menschen, die um die Tür herumstehen, keinen Blick bekommen könnte. Bis in das dritte Stockwerk stehen noch mehr Menschen. Diese haben aber bereits die Wohnung gesehen und waren anscheinend begeistert, da sie gerade Bewerbungszettel ausfüllen, die sie von der Maklerin erhalten haben. Diese steht am Eingang der Wohnung, verteilt die vielen Zettel und steht für Fragen zur Verfügung.

Endlich habe ich es geschafft, nach 20 Minuten bin ich im Flur angelangt. Und jetzt geht es ganz schnell: Nach links erhasche ich einen Blick in das Wohnzimmer, ein wenig weiter kann ich sogar kurz das Schlafzimmer betreten, jedoch muss ich mich auf die Zehenspitzen stellen, um über die Schulter des Mannes das Badezimmer zu betrachten. Besonders mag ich die Küche, die sehr geräumig  und gut ausgestattet ist. Hier steht auch der jetzige Bewohner, der von vielen Besuchern mit Fragen bombardiert wird. „Was hast du gemacht, um die Wohnung zu bekommen?“

In der Küche steht der jetzige Mieter (links) und beantwortet den Besuchern ihre Fragen.

Ich spreche die Maklerin an, die mir direkt einen Bewerbungszettel in die Hand drücken will. Als ich ablehne, steckt sie das Blatt verwundert wieder in ihre dicke Mappe zurück. Ich interessiere mich nicht für die Wohnung, sondern ich frage sie, ob dieser Ansturm bei Wohnungsbesichtigungen normal sei. Sie deutet nur auf ihre dicke Mappe und sagt:„Das ist nichts Besonderes. Mit diesem Andrang habe ich gerechnet. Normalerweise bekomme ich etwa 100 Bewerbungen, die ich dem Eigentümer übergebe. Dieser entscheidet dann.“ Ich frage sie noch, ob Studenten eine Chance hätten, die Wohnung zu bekommen. Sie erklärt, dass das auf den jeweiligen Eigentümer abhänge. Meist würden aber Berufstätige bevorzugt.

Die Maklerin (rechts) verteilt die Bewerbungszettel und steht für Fragen zur Verfügung.

Ich verlasse die Wohnung wieder. Ich finde, dass es eine sehr nette Unterkunft war, in der ich mich auch wohlfühlen würde – auf jeden Fall nach dem kurzen Einblick, den ich bekommen konnte. Einen genaueren Eindruck habe ich eigentlich nur vom Treppenhaus beim Anstehen bekommen. Dieses gehe ich nun genauso schnell wieder herunter, wie es meine Vorgänger auch schon getan haben. Jedoch hetzte ich zur nächsten Schlange auf einem anderen Besichtigungstermin, sondern kann es mir in meinen eigenen vier Wänden gemütlich machen.  Welch ein Glück, dass ich mich nicht mehr in andere Schlangen stellen muss. Als ein Bewerber unter 100 mit einer fast aussichtslosen Chance darauf, einmal der Mieter dieser Wohnung zu werden.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Tipps rund um die studentische Wohnungssuche

Eine nützliche Seite, auf der Studenten auf Wohnungssuche mal vorbeischauen sollten: http://bit.ly/aiEdjR