Archiv | Januar 2012

Bewerbungsemails und Mitbewohnercastings

Stefanie Müller* hat ein halbes Jahr gebraucht, um einen WG-Platz zu finden

 

Foto: pixelio

Studenten leben gerne in Wohngemeinschaften. Aus finanziellen Gründen oder weil sie einfach ungern alleine wohnen wollen. Für Stefanie Müller kam es ebenfalls nicht in Frage, alleine in eine Wohnung zu ziehen. Eine passende WG in Hamburg zu finden, stellte sich aber schwieriger heraus als sie gedacht hatte. Nach unzählbaren Anfragen und Bewerbungscastings hatte sie es schließlich geschafft und fand sich hinterher selbst in der Jury wieder, die entscheiden konnte, wer in die Wohnung aufgenommen wurde und wer nicht.

„Eine zweier- oder dreier-WG, am besten in Eimsbüttel wegen der zentralen Lage –  das waren meine Ansprüche. Ich dachte eigentlich, dass das nicht viel war, aber um diese Bedingungen zu erfüllen, musste ich ein halbes Jahr suchen“, erzählt Stefanie Müller. Die Hamburger Studentin war nicht zum ersten Mal in der Hansestadt auf Wohnungssuche. Zum Studienbeginn musste sie zum ersten Mal eine Bleibe suchen. „Damals habe ich in einem Hostel gewohnt. Schließlich konnte ich für die ganzen Wohnungsbesichtigungen nicht immer von zu Hause zweieinhalb Stunden nach Hamburg fahren.“ Nach einem Jahr war sie in ihrer alten Wohngemeinschaft aber nicht mehr glücklich. „Ich habe mich mit meinem Mitbewohner nicht gut verstanden und mich dort nicht wohl gefühlt. Deshalb habe ich beschlossen, umzuziehen.“ Ein sehr großes Vorhaben – auf jeden Fall in Hamburg und besonders als Studentin. „Der Vorteil jedoch war, dass ich spontan zu Besichtigungen gehen konnte und nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt darauf angewiesen war, eine neue Unterkunft zu bekommen“, erzählt sie. Dass sich die Wohnungssuche jedoch sechs Monate hinziehen würde, hätte Stefanie nicht gedacht.

„Ich war bei etwa 15 Wohnungsbesichtigungen und habe unzählige Anfragen auf Anzeigen im Internet geschrieben.“ Dabei hätte sie immer versucht, so normal wie möglich zu wirken, sich aber doch aus der Menge abzuheben. Schließlich sei es klar, dass man sich gegen mehrere hundert Konkurrenten durchsetzen muss. „Den ersten Schritt hat man schon mal geschafft, wenn man zum Bewerbungscasting eingeladen wird.“ Doch auch dann hätte man es noch mit vielen anderen Interessenten zu tun. Einige Vermieter schickten sogar Doodle-Kalender herum, in denen sich die Suchenden einen Termin aussuchen könnten. „Bei einer Wohnungsbesichtigung musste ich dennoch eine halbe Stunde warten, weil sie mit dem Zeitplan nicht hinterhergekommen sind. Jeder hatte seine bestimmte Zeit, in der er sich vorstellen konnte. Manche brauchten dafür wohl länger.“ Jedoch sei die Wartezeit nicht besonders angenehm gewesen, denn die Wohnung sei – trotz der vielen Besichtigungen – sehr dreckig gewesen. „In der Küche gab es keinen Abstellplatz mehr, weil überall dreckiges Geschirr herum stand. Trotzdem sollten wir unsere Schuhe ausziehen. Das machte auf mich von Anfang an einen schlechten Eindruck.“ Trotzdem hätten die Bewohner über 300 E-Mails auf ihre Anzeige bekommen und es noch nicht einmal geschafft, jedem zu antworten. Eine kollektive Absage sei schon zu viel Arbeit gewesen.

Absagen gehören bei der Wohnungssuche dazu. Foto: pixelio

„Ich habe viele Absagen und Zusagen bekommen. Nur dass ich einziehen wollte und auch die Mitbewohner sich für mich entschieden hatten, dauerte sehr lange. Umso mehr habe ich mich gefreut, als mich mein jetziger Mitbewohner angerufen hat und mir die Zusage mitteilte“, erinnert sich Stefanie Müller. Dass ich die „Kleine Konditorei“ direkt um die Ecke bereits kannte und mochte, war ein großer Vorteil für mich. Doch damit war das Thema Mitbewohnercasting noch nicht beendet. Die WG hatte noch einen Platz frei, also suchte Julia jetzt nicht mehr eine Unterkunft, sondern einen weiteren Mitbewohner. „Diese ganzen E-Mails zu lesen und zu beantworten war sehr viel Arbeit. Besonders neben Prüfungen an der Uni und einem Studentenjob. Ich wollte auch keine Anfrage unbeantwortet lassen, weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, wie gemein das sein kann.“
Einen ganzen Tag lang haben sich Stefanie und ihr Mitbewohner einen Bewerber nach dem nächsten angeschaut.

Die Wohnungssuche ist neben dem Studium eine Belastung. Foto: pixelio

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Menschen so unterschiedlich sein können. Manche haben nicht aufgehört zu reden und andere kriegten keinen Ton heraus. Ein junger Mann saß schüchtern vor uns, wippte nervös mit den Händen auf und ab und erzählte, dass er Schauspieler werden wollte. Das passte für mich nicht zusammen.“
Endlich hatten sie sich entschieden und mussten dann nur noch hoffen, dass ihr potentieller neuer Mitbewohner nicht schon eine andere Bleibe gefunden hatte. „Glücklicherweise freute er sich über unsere Zusage. Seitdem habe ich mit dem Thema Wohnungssuche und Mitbewohnercasting erst mal abgeschlossen und hoffe, dass ich mich damit so schnell nicht wieder befassen muss – besonders nicht in Hamburg.“
*Der Name wurde von der Autorin geändert.

Teure Wohnpreise und leer stehende Bürogebäude

Um die schwierige Wohnungssituation in Hamburg zu erklären, habe ich mit einer Dreiteiligen Serie, in der ich verschiedene Gründe beschreibe, die zu der heutigen Lage geführt gestartet. Dazu habe ich mit vielen Experten aus dem Immobiliensektor von Hamburg gesprochen.

Nachdem ich mich im ersten Teil mit dem Thema Politik und im zweiten Teil mit dem Thema Gesellschaft beschäftigt habe, folgt nun der letzte Beitrag in der Serie: Schrumpfende Sozialwohnungen vs. Wachsende Büroflächen. Denn wer sich mit dem Thema Wohnsituation in Hamburg beschäftigt, der stößt irgendwann auf den Vorwurf der leer stehenden Bürogebäude, die den Anschein haben, immer mehr zu werden während es kaum noch bezahlbaren Wohnraum für die Bevölkerung gibt. Stimmt dieser Vorwurf?

Hamburg – eine der teuersten Städte Deutschlands. Warum?

  1. Politik
  2. Gesellschaft
  3.  Schrumpfende Sozialwohnungen vs. wachsende Büroflächen

Hohe Nachfrage und wenig Angebot, so kann die Lage auf dem Hamburger Wohnungsmarkt beschrieben werden. Jedoch bedeutet dieser Zustand einen Preisanstieg. Aus dem aktuellen Mietenspiegel von Hamburg geht hervor, dass die Miete für eine 1-2 Personen Wohnung (41 m² – 66 m² mit Bad und Sammelheizung) in einer guten Lage in Hamburg durchschnittlich 10,30 Euro pro Quadratmeter beträgt. Laut Statistikamt Nord haben jedoch 75 Prozent der Haushalte der Hansestadt ein monatliches Nettoeinkommen unter 3 200 Euro. Diese Haushalte haben nur 1 000 Euro Wohngeld zur Verfügung, was einer Miete von 10 Euro pro m² entspricht. Es lässt sich also festhalten, dass sich 75 Prozent der Hamburger Haushalte keine Wohnung in einer guten Lage leisten können.

Da die Miete für eine gleichwertige Wohnung in einer normalen Lage auch schon 8,02 Euro pro Quadratmeter monatlich kostet, ist es sehr wichtig, dass bezahlbare Wohnungen gebaut werden, also den Bau von Sozialwohnungen zu fördern. Doch genau das tut die Stadt nur sehr eingeschränkt.

Ingrid Breckner. Foto: HCU

„Sozialwohnungen wurden nach dem Krieg gefördert – in den 70 Jahren gab es mehr als 40 Prozent Sozialwohnungen in Hamburg“, berichtet Ingrid Breckner, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie im Studiengang Stadtplanung an der Hafencity-Uni Hamburg (HCU). Jedoch fielen immer mehr Wohnungen aus den Bindungen und es folgten keine neuen Unterkünfte. Der Grund dafür: Das Haushaltsdefizit und die Mischfinanzierung aus Bund und Ländern. „Der Bund spart, es gibt nicht mehr so viele Fördermittel und die Länder können den Verlust nicht mehr kompensieren.“ Dabei würde sich die Lage, laut Breckner, auf dem Wohnungsmarkt in Hamburg durch mehr Sozialwohnungen entspannen.

Heute hat Hamburg noch gut 98 000 Sozialwohnungen. Durch das Auslaufen der Bindungen wird sich diese Zahl in den nächsten zehn Jahren auf knapp 57 000 reduzieren, also fast um die Hälfte sinken. Auch die Behörde für Stadtentwicklung hat dieses Problem erkannt und mit der SAGA GWG eine Vereinbarung getroffen, dass bis zum Jahr 2019 mindestens 3 000 berechtigte Haushalte mit Sozialwohnungen versorgt werden. So soll der soziale Wohnraum in Hamburg trotz des Auslaufens der Bindungen gesichert werden. Das geht aus einer Pressemitteilung des Senats hervor.

Helmut Sachs, Wohnungsbaukoordinator der Hansestadt Hamburg, sieht in dem Auslaufen der Bindungen gar nicht so ein großes

Michael Sachs, BSU Hamburg, Foto: Stadt Hamburg

Problem. Seiner Einschätzung nach würden die Mietpreise sowieso nicht stark ansteigen, da die Sozialwohnungen in schlechteren Stadtteilen lägen. „Dort kann man gar nicht so viel Miete verlangen. Der Markt wird sich selbst regulieren.“

Jedoch stände fest, dass es im Gegenzug dazu, zu viele Bürogebäude in Hamburg leer ständen. Helmut Sachs sieht den Grund dafür in der Hoffnung, durch den Bau von Büroflächen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen – besonders für die Regierung sei dies lukrativ. „Das heißt, jede wirtschaftlich orientierte Regierung ist daran interessiert, möglichst viele Flächen bereit zu stellen, auf denen man Gewerbeimmobilien bauen kann.“ Ein Beispiel dafür sei die Hafen-City. Diese sei schwerpunktmäßig als Bürostadt entwickelt worden, auch wenn sie momentan „alibi-mäßig“  ein paar Wohnungen habe. „Das hat man auch gemacht, um keine reine Bürostadt zu haben. In der Hafen-City wurden also sehr viele neue Gewerbeflächen geschaffen, mehr als überhaupt benötigt werden. Mit dem Bau der Flächen sind ja nicht gleichzeitig auch neue Firmen entstanden. Viele Hamburger Firmen haben ihren Sitz in die Hafen-City verlegt. Und dort, wo die Firmen weggegangen sind, herrscht jetzt größtenteils Leerstand.“ Das heißt: Wenn man höchst attraktive Büroflächen baut, schafft man woanders ein Loch. Die anderen Standorte werden unattraktiv.

Hamburger Hafencity: Eine Bürostadt, Foto:pixelio

Ingrid Breckner betont außerdem die hohen Renditen beim Bürobau. „Eine gut gelegene Gewerbefläche gibt zwischen 20-40 € pro Quadratmeter. Bei Wohnflächen hingegen sind es acht bis 13 €. Zudem ist der Bau von Büros billiger, da beispielsweise weniger sanitäre Anlagen gebaut werden müssen.“ Eine Lösung für das Problem sieht Breckner in einem Einschreiten der Politik. Diese hätte die Möglichkeit, in bestimmten Gebieten nur Wohnungsbauten zuzulassen und so weitere leer stehende Bürogebäude zu verhindern.

Leer stehende Bürogebäude sollen von der Politik verhindert werden, Foto: pixelio