Die Schimmel-Hölle

Susann Schütte* dachte, dass sie ihre Traumwohnung gefunden hätte – bevor sie den Schimmel fand

Den oberflächlichen Schimmel konnte Susann Schütte beseitigen. Das Schlimme waren die Partikel in der Luft. Fotos: selbst erstellt

„Ich habe meine Stiefel nicht mehr wieder erkannt. Sie hatten eine andere Farbe angenommen, weil sie komplett bedeckt waren. Bedeckt von einem Pelz aus Schimmel.“ Susann Schütte dachte, sie hätte ihre Traumwohnung gefunden: Eine Zweier-WG im Erdgeschoss,  Altbau-Jugendstil, mitten in Eimsbüttel. Leider entpuppte sich der vermeintliche Traum als ein Alptraum. Sogar im Sommer saß die Studentin mit dicken Socken unter ihrer Bettdecke, im Winter konnte man es ohne Wärmflasche in der Küche nicht aushalten. Obwohl alle Heizungen auf Stufe fünf gedreht waren, wurde es nicht wärmer, es zog in der Altbauwohnung mit dekorativem Stuck an den Decken. Der Grund: Feuchte Wände. Und diese verursachten nicht nur  Kälte und Unbehaglichkeit, sondern auch Schimmel. „Es war immer sehr muffig und feucht. Beim Einzug habe ich das nicht bemerkt und auch nicht darüber nachgedacht, dass das Haus keinen Keller hat“, erzählt Susann Schütte. Das sei eine Gefahr dafür, dass die Kälte und Feuchte auch von unten in die Wohnung vordringen könnte. „Wir haben mit verschiedenen Mitteln versucht, den sichtbaren Schimmel von den Wänden zu entfernen. Das Schlimme waren aber die Partikel in der Luft.“ Ein Jahr wohnte die junge Studentin in der vermeintlichen Traumwohnung. Erst als der Herbst wieder hereinbrach, wurde ihr das Ausmaß des Schimmelbefalls erst richtig bewusst. „Ich hatte meine Winterstiefel über den Sommer in Kartons verpackt und in der Küche verstaut, damit sie mir nicht im Weg stehen.“ Als sie diese Kartons wieder öffnete, konnte sie nicht glauben, was sie sah. „Meine eigentlich schwarzen Stiefel waren grau-weiß. Eine dicke Schimmelschicht hatte sich über die paar Monate auf ihnen breit gemacht.“ Damit nicht genug: Handtaschen und Jacken, die ein paar Wochen unbenutzt an der Wand hingen, waren von einer Schimmelschicht befallen. „Ich war nahe an einem Nervenzusammenbruch. Nicht nur, dass ich einen großen Schaden hatte wegen der nicht mehr zu gebrauchenden Schuhe, Jacken und Taschen, sondern ich machte mir ernsthafte Sorgen um meine Gesundheit“, berichtet die Studentin. Ein genussvolles Essen in der schimmeligen Küche war nicht mehr möglich. „Ich habe in meinem Zimmer auf meinem Bett gegessen und dabei nach Wohnungsangeboten gesucht. Ich wollte einfach nur noch weg.“ Doch das ist für eine Studentin in Hamburg leichter gesagt als getan.

Viele Studenten nehmen aus Verzweiflung Schimmel an den Wänden in Kauf, nur um eine Wohnung zu finden.

Susann Schütte stand vor dem Problem, dass sie so schnell wie möglich aus ihrer Schimmelwohnung ausziehen wollte, aber drei Monate Kündigungsfrist einhalten musste und nicht wusste, wann sie eine weitere Unterkunft finden und bekommen würde. „Ich habe großes Glück gehabt, dass mich meine Eltern dabei unterstützten. Ich hätte im Notfall auch zwei Mieten gleichzeitig bezahlen können.“ Die Studentin hat sich im Internet die Wohnungsangebote angeschaut und an mehreren Besichtigungen teilgenommen. Eine 30 Quadratmeter-große Wohnung in Barmbek hatte sie ins Herz geschlossen. „Ich wollte diese Wohnung unbedingt haben. Nur gab es, wie immer, noch viele andere Bewerber. Ich als Studentin habe da meist schlechte Karten.“ Doch Susann Schütte zog alle Register und schrieb eine Bewerbung, die sie der Wohnungsgesellschaft vorlegte. Sie stellte sich persönlich den Inhabern der begehrten Wohnung vor und beauftragte ihren Vater, sich ebenfalls dort telefonisch zu melden, um die gewünschte Bürgschaft für seine Tochter persönlich zu bestätigen. „Ich habe wirklich alles getan, um einen guten Eindruck zu hinterlassen.“ Und das mit Erfolg: Tatsächlich hat die Studentin die Wohnung bekommen und wohnt heute in der gemütlichen Singlewohnung in Barmbek.  Und sie musste noch nicht einmal doppelte Miete bezahlen. Auf ihr altes Zimmer in der Zweier-WG in Eimsbüttel meldeten sich noch am selben Tag, an dem die Annonce ins Internet gestellt wurde, mehr als 180 Interessenten. „Manche Studenten waren schon richtig verzweifelt und wohnten bereits im Hotel, weil das Semester begonnen hatte. Sie nahmen es in Kauf, dass sie in eine Wohnung mit Schimmel einzogen.“

Susann Schütte bezahlt für ihre 30 Quadratmeter in Barmbek ohne Schimmel weniger als für ein 16 Quadratmeter großes Zimmer in Eimsbüttel mit gesundheitsgefährdendem Schimmel. „Nachdem meine Mitbewohnerin und ich uns beim Eigentümer beschwert haben, hat er einen Gutachter geschickt. Ich weiß nicht, ob da nun etwas gegen den Schimmel getan wird. Es ist mir mittlerweile auch egal, denn ich fühle mich jetzt richtig wohl.“

*Name von Autorin geändert.

„Studenten sind bei Vermietern nicht gerne gesehen“

Interview mit Eckhard Pahlke (Vorsitzender MIETERVEREIN ZU HAMBURG)

Wie schätzen Sie die derzeitige Situation für Studenten auf Wohnungssuche in Hamburg ein?

Ich denke, dass die Situation mehr als angespannt ist. Ich würde fast sagen, dass sie sich noch nie so schlecht dargestellt hat. Das liegt daran, dass es in diesem Jahr rund 8.500 Erstanmeldungen für Studiengänge in Hamburg gab. Das ist absoluter Rekord und es spitzt die Lage auf dem Wohnungsmarkt zu. Es gibt also dieses Jahr noch mehr Studenten, die auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum waren oder noch sind. Die Konkurrenz ist in diesem Jahr also noch größer. Bei insgesamt 50.000 Studenten gibt es gerade mal 5.800 Studentenunterkünfte in der Hansestadt.

Wieso gibt es besonders in Hamburg nur so wenig bezahlbaren Wohnraum?

Meiner Meinung nach wird in Hamburg viel zu wenig für den Wohnungsbau getan. Die Politik hat hierbei komplett versagt. Das ist der Grund für den knappen Wohnraum in Hamburg. Es gibt also eine größere Nachfrage als Angebot. Das hat wiederum zur Folge, dass sich die Mieten erhöhen.  Ein sehr ungünstiger Trend für Studenten mit einem knappen Budget.

Vor welchen Problemen stehen gerade Studenten bei der Wohnungssuche in Hamburg?

Das Problem besteht darin, dass die meisten Vermieter sehr „traditionsbewusst“ sind und große Vorurteile gegenüber Studenten haben. Studenten sind generell bei Vermietern nicht gerne gesehen. Kein geregeltes Einkommen, Unordentlichkeit und lange Partynächte, das befürchten die Vermieter bei Studenten.  Außerdem wollen viele junge Abiturienten nicht alleine einziehen, sondern bilden Wohngemeinschaften. Eine geeignete Wohnung dafür zu finden, die für WGs geeignet geschnitten ist, ist gar nicht so einfach. Aufgrund der geringen Einkünfte lassen sich manche Vermieter auch nur auf Wohngemeinschaften zur Vermietung ein. Dann verlangen sie aber oft sehr hohe Mietgebühren. Andere lehnen Wohngemeinschaften grundsätzlich ab. Junge Paare oder gut verdienende Singles werden meist bevorzugt.

Welche Tipps hätten Sie für junge Abiturienten, die in Hamburg auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung sind?

Studenten sollen sich an die städtischen Vermieter SAGA/GWG und die Wohnungsgenossenschaften wenden. Diese verfügen noch über moderate Mieten, die sich auch Studenten leisten können. Man kann sich dort auf die Warteliste setzen lassen. Von den Wohnungsgenossenschaften gibt es zum Beispiel über 20 Stück, die in den gelben Seiten zu finden sind.

Weitere nützliche Informationen: http://www.mieterverein-hamburg.de/

Jeder braucht ein Dach über dem Kopf – auch Studenten

10 Euro pro Quadratmeter, das können sich die meisten Studenten nicht leisten. Doch besonders in Hamburg ist es sehr schwer, bezahlbaren Wohnraum zu finden. In diesem Jahr hat sich die Situation noch verschärft, da in mehreren Bundesländern zwei Jahrgänge gleichzeitig das Abitur absolivert haben – nach 13 und nach 12 Jahren. Das bedeutet einen noch größeren Andrang auf die Unis und natürlich auch Wohnungen. Besichtigungstermine mit mehr als 50 anderen Wohnungssuchenden sind die Regel geworden. Wie sollen sich dabei besonders Studenten durchsetzen? Höchstens eine Bürgschaft von den Eltern, aber kein eigenes geregeltes Einkommen und meist noch das Vorhaben, eine Wohngemeinschaft zu gründen – das sind keine guten Voraussetzungen, um von einem Vermieter bevorzugt zu werden. Im Gegenteil: Junge Singles oder Paare, die verdienen und nicht mehr jedes Wochenende Party machen wollen bekommen die Wohnung eher.

Eine große Herausforderung, die in diesem Blog umfassend abgebildet werden soll. Denn auch wenn das fast Unmögliche vollbracht ist und der Mietvertrag unterschrieben wurde, ist die erste große Hürde überwunden worden. Probleme, wie Schimmelbefall sind bei den vielen Hamburger Altbauwohnungen nicht selten. Wie sollte man da reagieren?
Persönliche Erfahrungen und Geschichten von Hamburger Studenten, die ebenfalls auf Wohnungssuche waren oder noch sind, Tipps und Einschätzungen von Experten sowie nützliche Links sollen den jungen Studenten den schwierigen Weg zur ersten eigene Wohnung in Hamburg erleichtern.

Ein journalistischer Themenblog von Studenten für Studenten.